Digitale Kunst

Nicht nur wir sind auf den Geschmack des digitalen Malens gekommen, auch berühmte zeitgenössische Künstler haben das iPad schon längst für sich entdeckt. Grandseigneur der Digitalmalerei ist der 1937 geborene Künstler David Hockney, der zu den berühmtesten lebenden Malern Großbritanniens zählt. Hockney malt vor allem die Landschaften seiner Heimat Yorkshire – nicht mehr nur mit Staffelei und Palette, sondern auch auf dem iPad. Draußen in der Natur fängt er damit flüchtige Stimmungen und Lichtwirkungen ein und hat auf diese Weise die von den Impressionisten geprägte Pleinairmalerei quasi gänzlich neu interpretiert. Blitzschnell lässt sich die gewünschte Farbe auswählen, das aufwendige Mischen entfällt. Die so entstehenden Bilder werden von ihm großformatig gedruckt, limitiert und signiert und hängen heute in den bedeutendsten Museen der Welt. Die Sonderausstellung dieser Arbeiten „A bigger Picture“ lockte über 650.000 Besucher in die Royal Academy in London.

Mit der Ära der Smartphones und Tablets hat auch eine neue Form der Kunst und insbesondere des Kunstdiskurses Einzug gehalten. Das Fotografieren mit dem Smartphone ist zur Selbstverständlichkeit geworden, die digitale Bearbeitung, Verfremdung und natürlich das Teilen in den Sozialen Medien ebenso. In den Fokus der Objektive geraten dabei immer häufiger Kunstwerke und Museumsexponate, die mit großer kreativer Freiheit modifiziert werden und die Timelines der Museumsbesucher und Kunstinteressenten erobern.

Die Symbiose zwischen Kunst und Social Media funktioniert jedoch auch in die andere Richtung. So bediente sich der Künstler Richard Prince für seine Serie „New Portraits“ recht umfänglich (und sicherlich in einer urheberrechtlichen Grauzone) bei Instagram. Verkaufspreis 90.000 Dollar pro Bild. Instagram kann aber auch selbst zum Raum für digitale Ausstellungen werden, wie der Schweizer Kurator Hans Ulrich Obrist beweist: Er sammelt und postet Handschriften von Kunst- und Kulturschaffenden und setzt dies dem zunehmenden Verschwinden der Handschrift entgegen.

Smartphone und Tablet, Facebook, Twitter und CO tragen ganz entscheidend zu einer Demokratisierung der Kunst und der Museen bei. In der von dem amerikanischen Konzeptkünstler John Baldessari 2010 veröffentlichten App „In Still Life 2001-2010“ kann der Nutzer die verschiedenen Elemente eines holländischen Stilllebens des 17. Jahrhunderts völlig neu komponieren. Die dem Genre immanente Gegensätzlichkeit zwischen Reglosigkeit auf der einen und Vergänglichkeit und Flüchtigkeit auf der anderen Seite erhält durch die Möglichkeit zur dynamischen Umordnung der Dinge eine neue Dimension. Der User schafft so ein gänzlich neues, eigenes Werk.

Eine weitere Möglichkeit, unmittelbar an einem künstlerischen Schaffensprozess teilzuhaben, bietet die App „Limbo“. Wer möchte, kann hier die in digitalen Zeichnungen festgehaltenen Eindrücke von den Reisen des britischen Künstlers Simon Faithfull live miterleben oder die mit Kunstwerken gefüllte Karte durchstöbern.


Mittel und Wege der Produktion und Verbreitung von Kunst haben sich in unserer digitalisierten Welt verändert und werden sich weiter verändern. In den Möglichkeiten, die technische Neuheiten und digitale Medien für die aktive Partizipation am Museumsgeschehen mit sich bringen, liegt ein großes Potential begründet. Anstelle von passivem Konsum tritt die aktive Teilhabe. Smartphones und Tablets bieten dabei zahllose Möglichkeiten für kreative Experimente. Also frei nach Beuys Motto „Jeder Mensch ist ein Künstler“ mitmachen und losmalen. #PaintMuseum

„Jeder Mensch ist ein Künstler.Damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt…Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.”, Joseph Beuys


Helen Schleicher