Painting Game – Kröller-Müller Museum

Punkt für Punkt baut sich das Meisterwerk auf – so wie es einst der Pointillist Georges Seurat mit seinem Pinsel auf der Leinwand malte. Und doch ist alles anders, denn hier wird digital getupft. Die Besucherinnen und Besucher des niederländischen Kröller-Müller Museum können täglich diese Erfahrung machen. Das Kunstmuseum nahe der Ortschaft Otterlo, nord-westlich von Arnheim, ermöglicht seit 2014 eine unmittelbarere Malerfahrung an einem eigens angefertigten, übergroßen Tablet in Form einer Staffelei. Diese steht mitten im Museumsrestaurant zur freien Nutzung. Beim „Painting Game“ werden die Kunstwerke des Museums digital nachgeahmt und umgestaltet. Wer der eigenen Kreativität freien Lauf lassen möchte, ist ebenso an der Staffelei willkommen.

Gar nicht so einfach, ein Meisterwerk selbst zu gestalten! Das „Painting Game“ hat nichts mit dem klassischen Spiel „Malen nach Zahlen“ zu tun. Zur Auswahl stehen mehrere Kunstwerke aus der Sammlung des Museums: Einmal Vincent van Gogh bitte. Oder lieber Piet Mondriaan? Das Kröller-Müller Museum besitzt allein 87 Gemälde von Vincent van Gogh und ist damit die zweitgrößte Van-Gogh-Sammlung der Welt nach dem Van Gogh Museum in Amsterdam.


Digitale Meisterwerke der Besucherinnen und Besucher des Kröller-Müller Museum. Quelle: Painting results, Digital Painting Game © Stichting Kröller-Müller Museum

Beim digitalen Malen lernt Jung und Alt verschiedene Maltechniken kennen. Man muss schon genau hinsehen beim Nachahmen eines farblichen Details oder einer bestimmten Form des Kunstwerks. Doch keine Sorge, es bleibt niemand sich selbst überlassen beim digitalen Malen. Der Künstler oder die Künstlerin höchstpersönlich gibt Ratschläge während des Malprozesses. Der reale „Pinselstift“ – entstanden im 3D-Drucker – liegt gut in der Hand und reagiert mit dem Display auf feinste Bewegungen der malenden Hand. Drückt man ihn zum Beispiel fest auf die digitale Leinwand, wird der Farbpunkt etwas breiter und die Farbe verfließt anders als bei sanftem Andruck. Selbst das Mischen der unzähligen Farben wird beim „Painting Game“ nicht dem Zufall überlassen und verlangt exaktes Hinsehen. Erst recht, wenn das Original um die Ecke in der Ausstellung hängt und die Erwartungen an das eigene Kunstwerk sehr hoch sind. Der fertig gemalte Bildausschnitt wird dann in das komplette Meisterwerk eingefügt und kritisch beurteilt. Und schon zufrieden mit dem Ergebnis? Oder sich an einem anderen Meisterwerk der Kunstgeschichte versuchen? „Send your own masterpiece“ heißt es am Ende des digitalen Spiels. Per E-Mail oder Social Media können die entstandenen Kunstwerke als visueller Gruß aus dem Museum verschickt werden.

Wer neugierig ist, wie das „Painting Game“ entwickelt wurde und welche komplexe Programmiertechnik dahintersteckt, kann einen Blick in den Film „The making of the Kröller-Müller painting game“ (YouTube, 22.10.2014) werfen.

Jeder Mensch ist ein Künstler, meinte Joseph Beuys – das digitale „Painting Game“ des Kröller-Müller Museums lässt diesen Traum ein Stück Wirklichkeit werden.

Christina Hirschberg