Auf der Suche nach Spuren von Museumsobjekten - Provenienzforschung

Seit 15. Februar 2016 sind zwei Projektmitarbeiterinnen an der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern für „Provenienzforschung“ zuständig. Aber was genau ist eigentlich Provenienzforschung und was hat sie mit dem Thema #SpurenSuchen der Social-Media-Aktion des diesjährigen IMT zu tun? Diesen Fragen konnte ich in einem Interview mit den beiden Provenienzforscherinnen der Landesstelle, Dr. Carolin Lange und Christine Bach M.A., auf den Grund gehen.

Die Provenienzforscherinnen der Landesstelle Dr. Carolin Lange und Christine Bach M.A. (v.l.n.r.)
Die Provenienzforscherinnen der Landesstelle Dr. Carolin Lange (l.) und Christine Bach M.A.
Foto: © Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern

Für alle, die den Begriff noch nie gehört haben, einmal kurz zusammengefasst: Was ist eigentlich Provenienzforschung?

Bach: Heute wird Provenienzforschung oft in Zusammenhang mit NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut gebracht, allerdings ist der Begriff schon viel älter und bezeichnet eigentlich eine historische Hilfswissenschaft. Provenienzforschung ist Herkunftsforschung. Vielleicht auch Forschung zur Objektbiografie. Also zum Beispiel: Welchen Weg hat ein Objekt aus einer Privatsammlung oder aus einem Museumsbestand im Laufe seiner Geschichte genommen? Wer waren die Zwischenbesitzer? Es wird quasi der Weg vom Hersteller bis zum heutigen Aufbewahrungsort nachgezeichnet.

Lange: Wir versuchen sozusagen eine Art „Familienstammbaum“ des Museumsobjekts zu entwickeln.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Lange: Wir schauen beispielsweise, ob es in Museen einen Verdacht auf Raubkunst gibt. Wenn wir den haben, prüfen wir vor Ort, etwa in Inventarbüchern, ob wir Objekte finden, deren Herkunft auf den ersten Blick verdächtig wirkt. Kommt ein Objekt aus dem Pfandleihamt oder von einem Versteigerer? Gerade bei Objekten, die in den 1940er Jahren ersteigert wurden, ist die Situation sehr heikel, da sie häufig mit NS-Deportationen in Zusammenhang stehen. Manchmal findet man dann Namen von Vorbesitzern heraus, aber oft weiß man auch gar nichts über die ehemaligen Besitzer dieser Objekte. Dann müssen wir wahnsinnig viel Archivarbeit erledigen und sozusagen rückwärts arbeiten.

Bach: Ja, es ist sehr viel Recherchearbeit in unterschiedlichen Archiven oder Museumsdepots. Man sollte keine Stauballergie haben und alte Handschriften lesen können. Aber grundsätzlich sieht jeder Tag anders aus.


 Etiketten und Aufschriften auf Bildrückseiten verraten oft mehr über die Herkunft
Etiketten und Aufschriften auf Bildrückseiten verraten oft mehr über die Herkunft.
Foto: © Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern
 
Wie sind Sie zur Provenienzforschung gekommen und was fasziniert Sie an dieser Arbeit?

Bach: Ich konnte mich schon in meinem Studium an der LMU München auf Provenienzforschung spezialisieren. Am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München gibt es eine wissenschaftliche Abteilung für Provenienz- und Sammlungsforschung, deren Mitarbeiter auch Lehrveranstaltungen an der Uni gegeben haben. Das hat mich sehr begeistert und fasziniert, sodass ich nicht mehr davon losgekommen bin und hinterher auch meine Masterarbeit in diesem Bereich geschrieben habe.

Lange: Ich bin eher „reingestolpert“. Ich war gerade in den USA an der Uni als der Fund der Kunstsammlung Gurlitt in den Medien präsent war. Dort habe ich eine E-Mail von einer Anwaltskanzlei bekommen, in der ich gefragt wurde, ob ich bei einem Fall mithelfen könnte. Es ging um einen Klienten, der zwei Bilder aus dem Gurlitt-Fund für sich beanspruchte. Ich hatte damals keine Ahnung, worum es bei Provenienzforschung geht und bin wirklich in die Thematik hinein „geschubst“ worden. Daher musste ich mir erst alles selbst aneignen, habe dann aber mit einer Kollegin zusammengearbeitet, die schon lange in dem Bereich tätig war. So ging das dann seinen Weg.

Haben Sie den Eindruck, dass sich inzwischen viele Museen mit Provenienzforschung befassen? Oder gibt es da noch Luft nach oben?

Bach: In Bayern sind es insgesamt 13 Museen, die sich bisher intensiver mit Provenienzforschung beschäftigen konnten und eigene Projekte haben. Demnächst werden noch neue Projekte angestoßen.

Lange: Angesichts der großen Zahl von Museen in Bayern beschäftigen sich also noch nicht sehr viele mit Provenienzforschung. Andererseits muss man sehen, dass es gerade in kleinen Häusern oft keine personellen und finanziellen Kapazitäten dafür gibt. Wir Provenienzforscherinnen von der Landesstelle sind dafür da, den nichtstaatlichen Museen in Bayern in solchen Fällen unter die Arme zu greifen.

Bach: Auch in anderen Bundesländern tut sich in diesem Bereich einiges. Dort gibt es ebenfalls Einrichtungen wie die Landesstelle in Bayern, die die Museen bei der Provenienzforschung unterstützen können.

Sicher kann in manchen Fällen, die Sie untersuchen, die Herkunft der Kunstwerke nicht eindeutig geklärt werden. Was passiert in solchen Fällen?

Lange: Wenn ein Museum weiß, dass ein Objekt eine problematische Biografie hat, man diese aber nicht vollständig rekonstruieren kann, kann das Objekt zum Beispiel als Fundmeldung in der sogenannten „Lost Art Internet-Datenbank“ veröffentlicht werden. Vielleicht gibt es dann tatsächlich jemanden, der das Objekt dort wiedererkennt und feststellt, dass es der eigenen Familie oder der Familie eines Freundes gehört hat.

Bach: Diese Person müsste ihren Anspruch dann natürlich auch beweisen, zum Beispiel durch ein bestimmtes Merkmal am Objekt. Daher ist es für uns Provenienzforscher toll, wenn uns von den möglichen Eigentümern Fotos der Objekte zur Verfügung gestellt werden können, da diese oft der beste Beweis sind.

Liebe Frau Dr. Lange, liebe Frau Bach, herzlichen Dank für Ihre Zeit und das Interview.  

Katharina Eckstein